Suchtverhalten – Doppeldiagnosen

Was versteht man unter einer Suchterkrankung?

Eine Suchterkrankung liegt vor, wenn der Konsum einer bestimmten Substanz (z. B. Alkohol, Medikamente, Drogen) oder die Ausübung einer bestimmten Tätigkeit (z. B. Computerspielen) außer Kontrolle gerät und bei einem Menschen zu einer Abhängigkeit führt. Per Definition spricht man von einem Suchtverhalten oder einer Abhängigkeit dann, wenn mindestens drei der folgenden sechs Sucht-Symptome in den letzten 12 Monaten aufgetreten sind:

  • Starkes Verlangen, ein bestimmtes Rauschmittel zu konsumieren oder etwas immer wieder zu tun
  • Kontrollverlust über Menge/Häufigkeit, Zeitpunkt und Dauer des Konsums/der Ausübung einer Tätigkeit
  • Entzugserscheinungen (sowohl körperlich als auch psychisch)
  • Toleranzentwicklung, d. h. Körper und Geist gewöhnen sich an die Substanz / das Verhalten, weshalb immer mehr davon benötigt wird, um den gewünschten Effekt zu erzielen.
  • Sozialer Rückzug und zunehmender Verlust an Interessen, während die Substanz / die Tätigkeit zunehmend an Bedeutung gewinnt.
  • Obwohl dem Betroffenen klar ist, dass seine Abhängigkeit / Sucht schädlich für ihn ist, wird dem Konsum oder der abhängig machenden Tätigkeit weiter nachgegangen.

Welche Formen der Suchterkrankung gibt es?

Man unterscheidet grundlegend zwischen zwei verschiedenen Arten von Abhängigkeiten:

Stoffgebundene Abhängigkeit

Bei der stoffgebundenen Abhängigkeit liegt ein Missbrauch von sogenannten psychoaktiven Substanzen vor. Dazu gehörigen u.a. Tabak, Alkohol, Opioide, Cannabinoide, Sedativa oder Hypnotika, Halluzinogene, und flüchtige Lösungsmittel sowie Kokain und einige weitere Stimulanzien. Landläufig sprechen viele Menschen daher auch von einer Drogenabhängigkeit.

Nicht-stoffgebundene / Stoffungebundene Abhängigkeit

Unter einer nicht-stoffgebundenen Abhängigkeit versteht man die Sucht nach einer bestimmten Verhaltensweise oder einer Tätigkeit. Auch diese Form der Abhängigkeit kann schwerwiegende, vorwiegend psychische Folgen nach sich ziehen. Zu den bekanntesten nicht-stoffgebundenen Süchten zählen beispielsweise die Internetsucht, die Computerspielsucht, die Glücksspielsucht, Sexsucht, Arbeitssucht oder der Kaufzwang.

Manchmal können bei Betroffenen sowohl stoffgebundene als auch nicht-stoffgebundene Süchte gleichzeitig vorkommen.

Wie entsteht eine Abhängigkeit oder Sucht?

Um eine Suchterkrankung entwickeln zu können, bedarf es einer Fehlsteuerung des Belohnungssystems des Gehirns. Als positiv wahrgenommene Dinge (z. B. Essen, Einkaufen, Lob, Anerkennung) führen in unserem Gehirn normalerweise zu einer Ausschüttung von bestimmten Hormonen wie Dopamin, was uns glücklich macht. Psychoaktive Substanzen wie z. B. Heroin, oder auch bestimmte Tätigkeiten wie das Glücksspiel, können den gleichen Effekt (Hormonausschüttung und Euphorie) im Gehirn bewirken. Wird dem Konsum solcher Substanzen oder der glücklich machenden Tätigkeit nun regelmäßig nachgegangen, kann dies bei manchen Menschen dazu führen, dass sich das Gehirn schnell an den jeweiligen positiven Reiz gewöhnt. Die Ausschüttung der Hormone gerät aus dem Gleichgewicht und die entsprechenden Hormone werden im Zuge der weiteren Gewöhnung immer weniger produziert – die Stimmung geht in den Keller, sobald mit dem Konsum oder der Aktivität aufgehört wird. Dies wiederum verstärkt das Bedürfnis nach dem abhängig machenden Suchtmittel oder der abhängig machenden Tätigkeit. Ein Teufelskreislauf, aus dem es zunehmend schwerer wird, auszusteigen. Beschönigung, Verleugnung und Bagatellisierung sind häufig Bestandteil von Suchterkrankungen.

Auslöser für eine Suchterkrankung können Lebenskrisen wie z. B. der Verlust eines Menschen, Verlust des Arbeitsplatzes aber auch Arbeitsstress oder starke Einsamkeit, oder eine bereits bestehende psychische oder körperliche Erkrankung sein. Manchmal jedoch entstehen Süchte auch aus einer Gelegenheit (z. B. Heroin), wenn z. B. jemand einer Person ein Suchtmittel anbietet oder aufdrängt (auch im Rahmen des Gruppenzwangs).

Wie viele Menschen in Deutschland sind von einer Suchterkrankung betroffen und wen betrifft es?

Als süchtig, bzw. abhängig, gilt jemand, der den Konsum (z. B. von Zigaretten, Alkohol, Medikamenten, sonstigen Drogen) bzw. ein Verhalten (Glücksspielen, Kaufen etc.) nicht beenden kann, ohne dass unangenehme Zustände körperlicher oder psychischer Art auftreten, oder wer nicht mit dem jeweiligen Konsum aufhören kann, obwohl er sich oder anderen (körperlichen, psychischen oder sozialen) Schaden zufügt. Nach aktuellen Schätzungen gibt es knapp 19,2 Millionen Menschen in Deutschland, die in irgendeiner Form abhängig sind. Grundsätzlich kann jeder Mensch eine Suchterkrankung entwickeln. Man geht heute davon aus, dass etwa 50 bis 60 Prozent der Suchtneigung veranlagt ist. Jedoch spricht man hierbei nicht nur von der genetischen, sondern auch von einer epigenetischen Veranlagung.

Wie wird eine Suchterkrankung behandelt?

Bei einer stoffgebundenen Abhängigkeit hilft in aller Regel nur die vollständige Abstinenz. Ist die Suchterkrankung noch nicht fortgeschritten und betrifft nicht die „harten“ Drogen, kann manchmal schon die eigene Einsicht reichen, um selbständig davon wegzukommen. Hierbei kann eine Selbsthilfegruppe sehr hilfreich sein.

Bei schweren Suchterkrankungen mit entsprechenden Folgeschäden (körperlich, finanziell oder sozial) ist ein stationärer Aufenthalt meist unumgänglich. Nur im Rahmen eines Entzugs und geeigneter, therapeutischer Maßnahmen, lässt sich so häufig ein Ende der Suchterkrankung herbeiführen.

Ein nicht unerheblicher Teil derer, die einen Entzug hinter sich haben, erleidet einen Rückfall – manchmal auch wiederholt. Eine entsprechende Nachsorge kann jedoch das Risiko deutlich senken. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Betroffenen auch nach einem stationären Aufenthalt ambulant weiterbegleitet werden. Auch hier kann eine Selbsthilfegruppe zusätzlich hilfreich sein.

Entscheidend zu wissen ist: Hat jemand eine Sucht überwunden, bleibt er sein Leben lang anfällig für das abhängig machende Mittel / die abhängig machende Tätigkeit. Es gibt ein sogenanntes „Suchtgedächtnis“, was bei erneutem Kontakt mit dem Mittel / der Tätigkeit zu einem Rückfall führen kann. Deshalb ist es entscheidend, die Abstinenz, wenn irgend möglich, den Rest seines Lebens beizubehalten.


Doppeldiagnose

Was versteht man unter einer Doppeldiagnose?

Bei Menschen, die unter einer psychischen Erkrankung leiden, gesellt sich häufig auch noch eine Abhängigkeit oder Sucht hinzu. Bei Personen, die beispielsweise von einer Psychose betroffen sind, entwickeln fast 50 Prozent im Laufe ihres Lebens eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Aber auch umgekehrt betrifft über die Hälfte aller Menschen mit einer Suchterkrankung meist auch zusätzlich eine psychische Erkrankung (z. B. Depression, Angststörung, Schizophrenie).

Wie wird eine Suchterkrankung im Rahmen einer Doppeldiagnose behandelt?

Da beide Erkrankungen (die psychische Grunderkrankung und die Suchterkrankung) in der Regel eng miteinander verwoben sind, kann die Verschlechterung der einen Störung Auswirkungen auf die andere haben. Deshalb benötigen von einer Doppeldiagnose Betroffene ein Behandlungs- und Therapiekonzept, welches speziell auf sie abgestimmt ist. Hierzu zählen u. a. eine medikamentöse Behandlung, Psychotherapie, spezielle Informationsgruppen oder Entspannungstraining. Da die Suchtbehandlung und die Behandlung einer psychischen Erkrankung traditionell noch häufig in unterschiedlichen Institutionen durchgeführt werden, drohen Betroffene „durch das Netz zu fallen“, da jede Seite erst einmal ein Eingreifen von der anderen Seite fordert. So weigern sich manche Psychotherapeuten, einen alkoholabhängigen Betroffenen zu therapieren, falls er nicht „trocken“ ist. Deshalb werden zunehmend spezielle Doppeldiagnose-Stationen in den psychiatrischen Kliniken eingerichtet.


Hilfreiche und weiterführende Links zum Thema Doppeldiagnosen:


Tipps für Angehörige

Was kann ich als Angehöriger von jemandem tun, der von einer Suchterkrankung betroffen ist?

  • Sprechen Sie Ihren Angehörigen auf Ihren Verdacht der Abhängigkeit an
    In der Auseinandersetzung mit Sucht machen Abhängige und Angehörige viele Erfahrungen. Wichtig ist, Sucht als Krankheit zu akzeptieren. Sucht ist keine Charakterschwäche, auch kein Mangel an Willen oder einfach nur ein Sich-gehen-Lassen. Sucht ist eine ernst zu nehmende Erkrankung. Eine Krankheit überdies, für die es erfolgreiche Behandlungskonzepte gibt. Sie sollten sich als Angehörige darüber im Klaren sein, dass Beschönigung, Verleugnung und Bagatellisierung Bestandteil von Suchterkrankungen sind. Kaum jemand wird (mit Ausnahme gesellschaftlich akzeptierter Abhängigkeiten wie z. B. von Zigaretten) freiwillig zugeben, abhängig zu sein. Haben Sie den Verdacht, ein nahestehendes Familienmitglied könnte eine Suchterkrankung entwickelt haben, sprechen Sie sie oder ihn offen darauf an. Nutzen Sie die Gelegenheit vor allem dann, wenn der Betroffene nüchtern ist. Konzentrieren Sie sich dabei nicht nur auf das Suchtgeschehen, sondern zeigen Sie auch Interesse an seiner Person. Zeigen Sie ihm, wie wichtig sie oder er für Sie ist und dass Sie ihr oder ihm gerne helfen möchten. Schlagen Sie ruhig vor, eine Beratungsstelle oder einen Arzt aufzusuchen und bieten Sie Ihre Begleitung an. Wichtig jedoch ist: Der an einer Sucht Erkrankte kann diese Entscheidung nur selbst treffen. Wenn Sie damit beginnen, sie oder ihn dazu zwingen zu wollen, kann dies zu einem Vertrauensverlust führen. Dies wiederum kann die Sucht nochmals verschlimmern.
  • Vermeiden Sie die Unterstützung des Suchtverhaltens
    Vermeiden Sie in eine „Co-Abhängigkeit“ zu geraten und den Betroffenen dadurch noch in seiner Sucht zu unterstützen. Wenn die Ehefrau beispielsweise am Freitag einen Kasten Bier kauft, damit der alkoholabhängige Ehemann über das Wochenende versorgt ist, hat der Betroffene wenig Chancen, aus seiner Sucht auszubrechen. Setzen Sie sich daher unbedingt mit den dahinterliegenden Beweggründen Ihrer „Unterstützung“ auseinander. Scheuen Sie sich nicht, hierzu auch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen (Arzt oder Psychotherapeut, Beratungsstellen etc.)
  • Informieren Sie sich gut und suchen Sie sich Hilfe
    Auch wenn ihr erkranktes Familienmitglied möglicherweise aktuell keine Therapie annehmen möchte, ist es wichtig, dass Sie sich selbst gut über die jeweilige Suchterkrankung informieren und sich – im Zweifel – auch beraten lassen. Dies kann Ihrem betroffenen Nahestehenden zugutekommen – aber auch Ihnen ganz persönlich, wenn Sie mit der Sucht Ihres Betroffenen und den damit verbundenen Hoffnungen und Enttäuschungen, bestmöglich umgehen lernen möchten. Dauert eine Suchterkrankung länger an oder kommt es zu wiederholten Rückfällen, sollten Sie sich als Angehöriger auf jeden Fall Hilfe und Unterstützung suchen. Dies kann der Besuch einer Selbsthilfegruppe von Angehörigen oder einer Beratungsstelle sein. In manchen Fällen kann aber auch eine Psychotherapie notwendig und äußerst hilfreich sein.
  • Versuchen Sie nicht, Ihr suchtkrankes Familienmitglied zu kontrollieren
    Auch wenn eine Suchterkrankung von Familienmitgliedern häufig die Angehörigen dazu verleitet – lassen Sie los. Je mehr Sie versuchen wollen, Ihren suchtkranken Nahestehenden zu kontrollieren, desto mehr werden Sie sich verantwortlich fühlen, wenn es wieder zu einem Rückfall kommen sollte. Der Erkrankte muss lernen, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Es gibt für ihn nur einen Weg, die Sucht zu besiegen: Die Antwort auf die Frage "Warum bin ich süchtig?". Dies ist die Voraussetzung, um langfristig mit einer Suchterkrankung leben zu können.
  • Werden Sie gelassener und vertrauen Sie auf das Leben
    Im Rahmen einer Suchterkrankung können sich häufig Gefühle von Machtlosigkeit und hilfloser Ohnmacht einstellen, vor allem dann, wenn man als Angehöriger dem Suchtgeschehen wiederholt beiwohnen muss. Um mit diesen Gefühlen besser umgehen zu können, tut es manchmal gut, auf die Kraft, die Ihnen die Gemeinschaft (z. B. Freunde, andere Angehörige, Selbsthilfegruppe, Kirchengemeinschaft) geben kann, zu setzen. Lernen Sie zu akzeptieren, dass das Leben seinen Verlauf nimmt und Sie, so schwer es auch fallen sollte, nur Ihr eigenes Leben wirklich steuern können.

Benötigen Sie noch weitere Hilfe oder ein Beratungsgespräch?

Der Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e. V.  bietet Angehörigen von psychisch erkrankten Menschen Hilfe und Unterstützung durch Einzelberatungen, Rechtsberatung, Seminare und Workshops und natürlich durch unsere bayernweiten Selbsthilfegruppen.

Hier finden Sie unseren Kontakt.

So bitte nicht

Folgende Äußerungen, auch wenn Sie gut gemeint sein mögen, sind wenig hilfreich und führen meist eher dazu, dass sich der erkrankte Mensch unverstanden fühlt und möglicherweise zurückzieht:

  • „Hör mit dem Trinken auf, das schadet dir nur.“
  • „Pass auf mit dem Cannabis. Du weißt, letztes Mal hast du davon wieder eine Psychose bekommen.“
  • „Immer sitzt du nur vor dem PC. Davon wird jeder depressiv.“
  • „Ich versteck dir jetzt die Tablettenschachtel.“

Besser so:

„Wir wissen alle, wie schwer es für dich ist, keinen Alkohol zu trinken. Wir unterstützen dich auf alle Fälle und verzichten auch auf Alkohol.“

„Könntest du nicht mit dem Psychiater über deinen Suchtdruck reden? Dein Verlangen nach Cannabis scheint ja wieder stärker zu werden. Vielleicht bahnt sich da eine psychotische Krise an. Ihr findet zusammen bestimmt eine Lösung. Und du weißt, wir unterstützen dich immer!“

„Wie machen wir nun weiter mit deinen Internetspielen? Ich habe das Gefühl, dass du Dich damit komplett in eine andere Welt beförderst. Das lenkt dich zwar von deinen Sorgen ab, langfristig bleibt damit aber immer mehr davon auf der Strecke, was du zu erledigen hast und was dir sonst immer Spaß gemacht hat.“

„Ich habe mir überlegt, dass du mir die Schachtel mit den Schlafmitteln geben könntest. Wenn du dann nicht schlafen kannst und eine Tablette nehmen willst, können wir gemeinsam überlegen, ob wir vielleicht eine Alternative finden, die dir auch beim Einschlafen hilft. Du hast da ja schon einige Techniken gelernt. Ich erinnere dich dann gerne daran. Am nächsten Tag bist du sicher stolz, wenn du die Tablette doch nicht gebraucht hast.“